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Was ist Digitalisierung? Ein Essay

3. Juni 2018 / Comments (0)

„Erst formen wir unsere Werkzeuge, dann formen die Werkzeuge uns.“ Mashall McLuhan

Was digitale Schaltungen oder digitale Signale sind, was sie von der Analogtechnik unterscheidet, lässt sich heute von überall und jederzeit etwa in der Online-Enzyklopädie Wikipedia nachlesen, ebenso was im formalen Sinne unter Digitalisierung zu verstehen ist. Was aber macht das Ganze mit uns? Wie verändert die Digitalisierung unser individuelles, soziales und wirtschaftliches Handeln? Welche Auswirkungen haben die neuen Techniken auf Politik und Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur? In seiner Rede vom „globalen Dorf“ und seiner Erkenntnis, dass das „Medium die Botschaft“ sei, hat sich der Medientheoretiker McLuhan schon in den 1960er Jahren als ebenso hellsichtig erwiesen wie der zur gleichen Zeit tätige Kommunikationsphilosoph Vilém Flusser, als er davon sprach, dass die neuen Medien – und das Internet war ihm noch völlig unbekannt – die Menschen zwangsläufig verändern würden: Aus Subjekten würden Projekte werden.

 

Und so ist es heute. In den sogenannten sozialen Medien, auf Dating- oder Karriereportalen, bei Nachrichten- oder Streaming-Diensten lösen sich die Individuen auf und werden zu einer jederzeit gestaltbaren und zu gestaltenden Plastik. Wahrheit wird zu einer Skalierungsgröße: Je mehr „Likes“ eine Aussage erhält, desto zutreffender ist sie. Die Waren- und Dienstleistungswirtschaft wird zur Aufmerksamkeitsökonomie, die Arbeitsgesellschaft zu einem Auslaufmodell, der Sozialstaat zu einem Relikt des Industriezeitalters.

 

Aber was ist dieses Neue, das da, zunächst unbemerkt, alle Lebensäußerungen durchdringt. Ohne dass wir genau sagen können, wie es geschehen ist, hat sich der Geist des Digitalen unserer Realität – und unserer Sprache – bemächtigt. Und dieser Geist wirkt ganz überwiegend im Verborgenen, während beispielsweise die Politik, wie ihre Vertreter selber einräumen, stets „auf Sicht“ fährt; sie kann also nicht „sehen“, was geschieht – ganz im Unterschied zu den heute führenden Internet-Unternehmen, denen sie hoffnungslos hinterher hechelt. Ja, in Silicon Valley und anderswo wird unsere Zukunft gestaltet, nicht in Berlin, Washington oder Moskau. Und in dieser in Wahrheit schon gegenwärtigen Zukunft wird sich ein ökonomischer und gesellschaftlicher Wandel vollziehen, den wir in den Blick nehmen müssen, wollen wir nicht jede Möglichkeit der Einflussnahme einbüßen.

 

Das Internet of Things, Bots, Algorithmen, Drohnen, selbstfahrende Autos, Assistenzsysteme mit Spracherkennung, Künstliche Intelligenz oder die Industrie 4.0 sind in aller Munde, aber kaum jemand kann angeben, wo das alles herkommt, wie das funktioniert und wohin die Reise führen wird. Aus solcher „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ müssen wir ausbrechen. Zwar mag es sein, dass alle „Fortschritts“-Folgen zu Anfang immer mehr oder weniger unbedacht, vielleicht sogar unabsehbar waren. Doch entgegen der Behauptung, dass sich also auch im Zuge der Digitalisierung nur jene Entwicklung fortschreibt, die die industrielle Moderne insgesamt kennzeichnet, befinden wir uns heute tatsächlich in einem Epochenbruch. Anders als der Dämon des industriellen Zeitalters, die Dampfmaschine, die „alles Stehende und Ständische verdampfen“ ließ, wie Karl Marx zurecht prophezeite, ist der Geist des digitalen Zeitalters nicht materiell und grob maschinenförmig, sondern ungreifbar – und weithin unbegriffen. Kein Plan, nirgendwo! Tatsächlich ist eine Konstellation absehbar, bei der eine kleine Minderheit, eine Priesterschar der Kundigen, einer großen Masse digitaler Analphabeten gegenübersteht. Deren (unsere) Rat- und Ahnungslosigkeit gibt aber Anlass zu großer Sorge, weil sie den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaften bedroht.

 

Die digitale Technik verändert das Verbraucherverhalten, die Geschäftsmodelle, die Wertschöpfungsketten und die Arbeitswelt mit einer Rasanz, die ohne Beispiel ist. Und ein Ende der Entwicklung, die nahezu alle Gewissheiten der Volkswirtschaftslehre pulverisiert, ist nicht in Sicht, mit den entsprechenden Auswirkungen auch auf die Produktwelt, auf Angebot und Nachfrage, auf Produktion und Konsumtion – und nicht zuletzt auf die Preise. Für die wachsende Zahl der Instagram-, Carsharing- oder Uber-Kunden, für die Generation der Spotify-Nutzer, für die Couch-Surfer und Online-Leser ist der Zugang (Access) zu Gütern und Diensten schon heute wichtiger als ihr Besitz. Die alten Märkte werden zunehmend von Plattformen verdrängt werden.

 

Arbeit, die einmal digitalisiert worden ist – und von Software, Algorithmen oder Robotern erledigt werden kann –, verschwindet im Arbeitsspeicher und kann von dort beliebig oft abgerufen werden, ohne Pause, ohne Ferien, ohne Betriebsrat, ohne Fehler. Internationale Studien gehen übereinstimmend davon aus, dass schon in den nächsten fünf bis zehn Jahren rund 50 Prozent der uns heute bekannten Arbeitsplätze wegfallen werden. Und das betrifft zunehmend auch den Dienstleistungssektor, also längst nicht mehr nur die „Minderqualifizierten“, wofür die zum Teil massenhaften Stellenabbau-Pläne von Banken und Versicherungen lediglich ein erstes Wettergrollen sind. Jede regelhafte, durch Muster und Routinen geprägte Tätigkeit – und welche wäre das nicht? – kann von „Maschinen“ sehr viel präziser, schneller und billiger durchgeführt werden als von jedem noch so gut ausgebildeten Menschen.

 

Produkte, die sich nach Belieben vervielfältigen lassen, weil ihr digitaler Code unendlich replizierbar ist, werden wertlos. Überfluss, nicht Knappheit ist das Charakteristikum solcher Waren. Milliardenbranchen wie die Plattenindustrie, Weltfirmen wie Kodak oder Nokia und, nicht zu vergessen, die altehrwürdigen Lexikonverlage haben den Furor der Disruption schon durchlitten. Versicherungen, Banken, der Einzelhandel und möglicherweise auch die Autoindustrie werden folgen. Nokia, bis 2011 weltgrößter Mobiltelefonhersteller, hatte die Umwälzung des Mobilfunkmarktes durch das 2007 eingeführte iPhone unterschätzt und sah sich 2013, nach verlustreichen Jahren, gezwungen, die Mobilfunksparte an Microsoft zu verkaufen. Die Firma Kodak, die noch Anfang der 1990er Jahre rund 140.000 Mitarbeiter weltweit beschäftigte und einen Umsatz von knapp 20 Milliarden US-Dollar erzielte, war zwar ein Pionier der digitalen Fotografie – erfunden schon 1975 vom Kodak-Ingenieur Steven Sasson – und brachte 1991 die erste Digitalkamera in den Handel, hatte dann aber das Potenzial der neuen Technik falsch eingeschätzt und zu lange an ihrer Materialsparte (Filme, Fotopapier) festgehalten; nach dramatischen Jahren des Niedergangs musste sich das Unternehmen schließlich 2012 ganz aus dem Fotomarkt zurückziehen. Als Instagram, gewissermaßen ein digitaler Nachfolger von Kodak, im April 2012 für eine Milliarde Dollar von Facebook übernommen wurde, hatte die Plattform gerade mal knapp 20 Mitarbeiter; sie wird heute von mehr als 500 Millionen Menschen genutzt, die durchschnittlich jede Minute mehr als 40.000 Fotos und Videos hochladen. Die meisten Dienstleistungen, die Kodak einmal geboten hat – etwa Fotoabzüge, Dia-Entwicklung, Bildbearbeitung – übernehmen heute die Kunden selber.

 

Auch dem „Bildungsmarkt“ steht eine Revolution bevor. Bildung, die vom Katheder aus in behördlich vorgegebenen Dosen verabreicht wird, ist der Lebenswirklichkeit der Schüler und Studenten längst nicht mehr angemessen. Lernvorgänge, denen nichts Exploratives anhaftet, die keinerlei unmittelbares Feedback ermöglichen und deren Praxisrelevanz selbst den Lehrenden nur mehr schleierhaft sein dürfte, lassen gerade jene Fähigkeiten verkümmern, auf die es in Zukunft entscheidend ankommen wird: Neugier und Eigeninitiative. Das Bildungssystem in der uns bekannten Form einer von Einzelpersonen immer wieder aufs Neue exekutierten Belehrung ist an sein Ende gekommen.

 

Wo aber führt all das hin? Wie werden wir – unter den sich wandelnden Voraussetzungen und mithilfe der sich stetig verbessernden Technologien – Arbeit, Bildung und soziales Leben organisieren? An Antworten hierauf herrscht ein eklatanter Mangel. Und das ist seltsam – handelt es sich hier doch nicht um zukunftsferne Entwürfe, sondern um ganz gegenwärtige Belange. Autos ohne Fahrer, Fabriken ohne Arbeiter, Behörden und Verwaltungen ohne Angestellte, Schulen ohne Lehrer, Beziehungen ohne Körperlichkeit? Wir nehmen das mehr oder weniger interessiert zur Kenntnis, nutzen auch gern die einen oder anderen smarten Gadgets, tun aber so, als ginge uns das alles nicht wirklich etwas an, als könnten wir ansonsten einfach so weitermachen wie bisher. Das ist jedoch ein folgenschwerer Irrtum.

 

Zwar gibt es mittlerweile jede Menge Veranstaltungen, Tagungen, Workshops zu Themen wie „Digitale Transformation“, „Digital Leadership“ oder, besonders weit vorn, „Agile Businessmodel Innovations“. Dabei geht es jedoch ganz überwiegend darum, wie wir als „User“ besser werden, wie wir die neuen Möglichkeiten gewinnbringend nutzen und uns den sich rasant verändernden Verhältnissen möglichst geschmeidig anpassen können. Die Veränderungen an sich werden wie gottgegeben hingenommen. Das „Warum“, „Woher“, „Wohin“ spielt keine Rolle, und das „Wie“ der neuen Techniken, derer wir uns bedienen sollen, ist den meisten ein Rätsel.

 

Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen, um den Wandel, der sich ja tatsächlich vollzieht, gestaltend zu beeinflussen. Solcher Mangel an Gestaltung ist deshalb unser Hauptproblem, nicht die beispielsweise immer wieder als Bedrohung kolportierte „Freisetzung“ von Arbeitskräften, auch nicht der Datenschutz oder die Cyberkriminalität. Dass menschliche Arbeit, auch – und gerade – qualifizierte Tätigkeiten, von maschineller Arbeit zunehmend ersetzt wird, ist ein unumkehrbarer Trend, der weder durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen noch durch Weiterbildung aufzuhalten sein wird. Was aber bedeutet das? Mit welchen Folgen ist zu rechnen? Wenn beispielsweise nur noch die Hälfte der heute bezahlten Arbeit von Menschen erledigt wird, wenn Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten überwiegend nicht mehr in steinernen Institutionen, sondern in gemeinsam genutzten Internet-Foren lernen, welche Konsequenzen hätte dies etwa für Bildung und Ausbildung, für einen sich überwiegend aus Umsatzsteuereinnahmen und aus der Besteuerung von Arbeitseinkommen finanzierenden Staat, für die öffentliche Infrastruktur? Und wie ließen sich diese Auswirkungen bewältigen?

 

Wenn heute von zumeist eilig einberufenen Kommissionen in Bund und Ländern sogenannte Digitalisierungsstrategien entworfen werden, geht es ganz überwiegend um finanzielle und technische Fragen (Breitbandausbau, Konvergenz der Netze), um Datensicherheit, die Abwehr von Cyberkriminalität oder um den Schutz von Persönlichkeitsrechten. Das ist aller Ehren wert, lässt aber die zentralen Fragen unbeantwortet. Sie werden nicht einmal gestellt.

 

Ich jedoch stelle solche Fragen und möchte andere animieren, es mir gleichzutun. In meinen mit vielen Beispielen gewürzten Vorträgen, Veröffentlichungen, meiner Arbeit und meinen Workshops geht es mir nicht in erster Linie um technische Kenntnisse oder den cleveren Einsatz neuer Gadgets. Ein neues Denken ist gefordert, sowohl in ökonomischer als auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Denn der Geist des Digitalen wird uns prägen wie der Geist des Alphabets. Unserer Gesellschaft steht ein Kulturwandel, gewissermaßen ein Wechsel des Betriebssystems bevor. Dieses neue System birgt zweifellos Gefahren. Es ist aber auch imstande, all unsere Fantasien Wirklichkeit werden zu lassen. Dies wird aber noch nicht gelingen, indem wir uns stets die neuesten Apps installieren, sondern nur, wenn wir gestaltungsfähig werden und den Geist des Digitalen zu verstehen lernen.

Last modified: 3. Juni 2018