|

Tradition und Digitale Transformation

23. Oktober 2017 / Comments (0)

Traditionen zu bewahren ist ein keineswegs unberechtigtes, sondern ein ehrenhaftes Anliegen. Insbesondere wenn es sich dabei um die Bewahrung traditioneller Werte wie etwa Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit oder um Qualitätskriterien handelt. Sind mit dem Festhalten am Bewährten allerdings Geschäftsmodelle, Managementmethoden oder Arbeitsprozesse gemeint, erweist sich die Tradition im Zuge der Digitalisierung schnell als „Standortnachteil“.

Der Kugelschreiber wurde nicht von einem Füllfederhalter-Hersteller erfunden, das E-Book nicht von Verlagen. Man müsse, so empfahl schon der Apple-Gründer Steve Jobs, das eigene Geschäftsfeld immer wieder selbst angreifen. Denn ein Anderer wird es irgendwann tun und mich damit vom Markt fegen. Dieser Untergang – Ökonomen nennen das bekanntlich „kreative Zerstörung“ – wird aber nicht durch die Veränderungs-, sondern durch die Beharrungskräfte bewirkt. Das Neue ist nicht der Feind des Alten, sowenig wie das Fremde der Feind des Eigenen ist. Aber die Spannung zwischen diesen beiden Polen prägt das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben seit jeher. Historisch gesehen waren dabei immer jene Gesellschaften und Wirtschaftsordnungen am erfolgreichsten, die sich als anpassungsfähig erwiesen, die bereit waren, neue Impulse und fremde Einflüsse verändernd wirksam werden zu lassen.

Das ist heute mehr denn je gefordert. Die „digitale Transformation“ ist aber nicht nur eine Frage des kompetenten Einsatzes der sich rasant entwickelnden Technologie, sondern stellt die Unternehmen vor ganz grundsätzliche Herausforderungen. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Wenn ich als Arbeitgeber eine Programmiererin beschäftige, werde ich sie vertraglich verpflichten, dass alles, was sie entwickelt, dem Unternehmen gehört. Und doch enthalten der Code, an dem sie arbeitet, wie auch das Werkzeug, das sie dafür verwendet, die Programmiersprache, Tausende Bestandteile, die von vielen anderen Personen erdacht und geschrieben wurden und also nicht patentiert werden können. Dieses in den Maschinen und in jeder Software gespeicherte, gewissermaßen gesellschaftliche Wissen wird zur eigentlichen Produktivkraft, deren Wert – also der für ihre Erzeugung benötigte Input – aber gar nicht mehr gemessen werden kann. Nun besteht jedoch die Funktionsweise des „normalen“ Kapitalismus darin, dass die Preise von den Inputkosten bestimmt werden, und diese Bestimmung wiederum beruht auf der Annahme, dass das Angebot an sämtlichen Inputs stets begrenzt ist. Beide Bedingungen sind heute obsolet geworden.

Doch anstatt sich mit solchen und ähnlich existenziellen Fragen zu beschäftigen befinden sich viele Unternehmen zurzeit in einem aggressiven Verteidigungsmodus, es ist ein Kampf zwischen Netzwerk und Hierarchie. Wer aber nur mehr versucht, sein „traditionelles“ Geschäft zu schützen und in der größer werdenden Lücke zwischen erweitertem Angebot und sinkenden Preisen zu überleben, wird scheitern – etwa so wie die großen Plattenlabels der Musikindustrie, die Schreibmaschinenhersteller oder die Versandhändler, die vergeblich versucht haben, sich dem Wandel zu verweigern, der dann einfach über sie hinweg rollte.

Last modified: 21. Mai 2018