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Himmlische Zukunft oder höllischer Abgrund

10. April 2017 / Comments (0)

Erster Hamburger Wirtschaftsdialog im NIT Thema: „Arbeit 4.0 Mensch oder Maschine“

Verena Fritzsche putzt nicht gern. Rasenmähen mag sie auch nicht. Die Geschäftsführerin des Northern Institute of Technology Management beschäftigt trotzdem weder Reinigungskraft noch Gärtner. Bei ihr saugen Roboter Staub und schneiden Gras. Und sie könne sich vorstellen, noch weitere hilfreiche Maschinen anzuschaffen, bekennt die NIT-Chefin.

„Arbeit 4.0 – Mensch oder Maschine“ lautet das Motto des ersten Hamburger Wirtschaftsdialogs. Der ebenso persönliche wie ungewöhnliche Einstieg signalisiert: Hier und heute wird kein Fachchinesisch gesprochen. Diese Veranstaltung findet zwar auf dem Campus der Technischen Universität Hamburg statt, aber um folgen zu können, muss man kein Technik-Freak sein. Adressaten sind vielmehr Führungspersönlichkeiten aus der Wirtschaft. Rund 30 Vertreter von mittelständischen Unternehmen diverser Branchen sind anwesend, dazu eine Handvoll Ingenieursstudenten, die am NIT lernen, Managementaufgaben verantwortungsvoll zu meistern.

Erwartet uns eine schöne neue Welt, in der kein Mensch mehr stupide, ungesunde oder körperlich schwere Arbeiten erledigen muss? Oder stehen uns eher schlimme Zeiten bevor, in denen insbesondere Niedrigqualifizierte keine Chance auf Jobs haben? Mit bitteren Folgen wie Armut, Verlust des Selbstwertgefühls und Sinnleere? Darum und um viele andere Fragen dreht sich das Gespräch bei dieser Auftaktveranstaltung zum Hamburger Wirtschaftsdialog.

Schöne neue Welt?

Sven Enger, Digitalexperte und Initiator des Digital Think Tank am NIT, moderiert die Podiumsdiskussion. Auf der Bühne stellen sich vier Experten mit unterschiedlicher Sichtweise den Fragen des Auditoriums. Betriebswirtin Verena Fritzsche spricht für eine Bildungsinstitution, Diplom-Informatikerin Carmen Möller vertritt als Bezirksabgeordnete der Grünen Fraktion Hamburg-Nord und Fraktionssprecherin Wirtschaft und Arbeit die Politik. Tobias Hagenau, NIT-Absolvent und Geschäftsführer des erfolgreichen Start-ups HQ Labs, vermittelt die Perspektive der jungen, hoch qualifizierten Generation. Die Bauingenieurin Kristina Lohse-Thiele berichtet aus dem Blickwinkel eines Traditionsunternehmens.
Hamburg Wasser, gegründet 1842, unterstützt die Reihe des Wirtschaftsdialogs. Kristina Lohse-Thiele ist dort Abteilungsleiterin Kunden und Systementwicklung. Sie zeigt auf, wie es gelingt, langjährige Mitarbeiter im rasanten Wandel mitzunehmen, anstatt sie abzuhängen. Viele Technische Zeichner, die zu Beginn ihrer beruflichen Karriere bei Hamburg Wasser Ver- und Entsorgungs-Kataster mit Stift und Papier erstellten, arbeiten heute mit modernster Software am Rechner. Kristina Lohse-Thieles Erfahrung: Transparenz, Beteiligung und Fortbildung sind Instrumentarien gegen Angst um den Arbeitsplatz und Widerstand gegen Veränderung.

Neue Wege finden

Um beidem entgegenzutreten, brauchen 
Spitzenkräfte neue Kernkompetenzen. Gute Führung bedeutet heute Veränderungen begleiten, aufklären, mitnehmen, vorleben, gestalten und aktivieren. Denn Bereitschaft zu lebenslangem Lernen ist heute wichtiger denn je. Sie ist existenziell. Darüber herrscht Einigkeit in der Diskussionsrunde. Genau wie darüber, dass die Digitalisierung unausweichlich dazu führt, dass immer mehr Tätigkeiten von Maschinen übernommen werden. Die Hoffnung, dass stattdessen andere Berufsfelder entstehen und Potenziale für neue Aufgaben freigesetzt werden, eint das Plenum ebenfalls.
Im Gespräch wächst die Erkenntnis, dass dem digitalen Wandel ein kultureller folgen muss. Es brauche neue Ideen zum Lebenskonzept, findet nicht nur Carmen Möller. Arbeit und beruflicher Erfolg dürften nicht länger wichtigstes Identifizierungs-Merkmal sein. Zudem müssten neue Wege der Wertschöpfung gefunden werden, die auch das Auskommen jener sichern, die nicht in der Lage sind, sich den gestiegenen Anforderungen entsprechend zu qualifizieren. Oder die dem Geschwindigkeits- und Effizienzdruck nicht gewachsen sind. Stichwort Burnout. Es gibt etliche Diskussionsbeiträge, die Risiken der Entwicklung in den Mittelpunkt rücken. Und andere, die Chancen im Vordergrund sehen. Etwa das Plus an Lebensqualität, das Digitalisierung mit sich bringt. Weniger, andere, kreativere Arbeit. Das Wo, Wann und Wie entscheide der Einzelne jeden Tag neu, schwärmt Tobias Hagenau mit glänzenden Augen. Allerdings, gibt er zu, arbeite er selbst am liebsten nach konventionellem Muster: im Büro, im direkten und persönlichen Austausch mit Kollegen. mab

Vormerken

„Digitalisierungshauptstadt Hamburg – Chance oder Bürde?“ heißt das Thema beim 2. Hamburger Wirtschaftsdialog des NIT Northern Institute of Technology Management. Wie steht es um dieses Innovationsklima? Was ist politisch möglich, um es zu fördern? Wie entwickelt sich die Gesellschaft weiter, wenn Arbeit anders gedacht wird? Darüber diskutieren Unternehmer und Geschäftsführer aus dem Hamburger Mittelstand mit Startups und Vertretern der Politik. Christian Günner, Bereichsleiter Kunden und Systementwicklung bei Hamburg Wasser, verrät in einem Impulsvortrag, welches Potenzial die Wasserleitungen für eine digitale Stadt haben. Daniel Rebhorn, Managing Partner beim E-Commerce-Dienstleister Diconium, blickt von außen auf die Potenziale Hamburgs. Durch die Veranstaltung führt Sven Enger, Digitalexperte und Head des Digital Think Tank am NIT.
Der 2. Hamburger Wirtschaftsdialog findet am Donnerstag, 27. April, zentral am Fischmarkt statt und bietet viel Raum fürs Networking. Ort: Frank & Pape Buchhandel und Café, Hoheluftchaussee 51, in Hamburg. Warm-up ab 17.30 Uhr, Start um 18 Uhr. Eine Anmeldung ist obligatorisch. Die Veranstaltungsreihe Hamburger Wirtschaftsdialog wird unterstützt von Hamburg Wasser.

Web: https://www.nithh.de/de/das-nit/termine/veranstaltung/ 2nd-hamburg-economic-dialog/

Last modified: 21. Mai 2018