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Die Lebensversicherung hat als Altersvorsorge ausgedient

23. Januar 2018 / Comments (0)

Liest man heute die Rezensionen zur gestrigen Sendung „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg, fällt eines auf: der Tenor der Schlagzeilen ist unisono „Finger weg von Lebensversicherungen“. Das ist sicherlich dem Titel der Sendung, zu der ich eingeladen war, geschuldet. Unter dem Motto „Crash der Lebensversicherungen: Panikmache oder echte Gefahr?“ wurde kontrovers und zum Teil heftig über das Thema diskutiert. Und es war wie so oft: die Medien eröffnen mit einer reißerischen Headline, der Branchenverband beschwichtigt und verliert sich in komplexen Zahlen und Fakten, die Politik verspricht vollmundig das so wichtige Thema Altersvorsorge auf die Agenda zu nehmen und alle anderen stimmen fröhlich mit ein.

Ich hatte die Hoffnung, dass „Hart aber fair“ eine Chance wäre, das eigentliche Thema, um das es uns allen dringend gehen sollte, anzustoßen: wie muss die Altersvorsorge der Zukunft aussehen, um großflächige Altersarmut zu vermeiden? Verwalten wir weiter den Status Quo oder trauen wir uns endlich mit Mut eine Zukunftsvision zu entwickeln? Ja, in meinem Buch stelle ich die provokante These auf, dass das System der Lebensversicherung vor einem Crash steht und ja, ebenso provokant rate ich zum Verkauf der Policen, wenn sie nicht mehr als Altersvorsorge funktionieren. Wenn auch überspitzt formuliert und keinesfalls als abschließende Empfehlung gedacht, ist eines doch klar:

Die Lebensversicherer befinden sich in einer existenziellen Krise

Ihre einstige Cashcow, die kapitalbildende Lebensversicherung, war einmal das beliebteste Produkt für die private Altersvorsorge. Heute ist sie tot. Was ist passiert?

Glaubt man den Branchenvertretern, ist klar: Die anhaltende Niedrigzinsphase und die staatliche Regulierung sind schuld. Den Unternehmen blieben kaum noch Spielräume, um rentabel wirtschaften zu können. Richtig ist: Niedrige Zinsen machen es den Lebensversicherern schwer, frisches Geld gewinnbringend anzulegen. Zudem zwingt sie der Bund, einen Großteil der Gelder in festverzinsliche Staatsanleihen anzulegen. Beides sind wirkmächtige Faktoren. Aber: Sie bieten keine hinreichende Erklärung für die Krise der Lebensversicherer. Die ist zu einem guten Teil hausgemacht.

Jahrelang sahen die Unternehmen keinen Anlass zur Veränderung

Die Geschäfte liefen doch gut, warum sollte man etwas anders machen? Milliardengewinne – nicht zuletzt durch die Einführung der Riester-Rente – sind aber nicht in Zukunftsinvestitionen geflossen sind, sondern in Provisionen, Vorstandsvergütungen und Verwaltung. Die Versicherer wussten bereits vor Jahrzehnten, als sie langlaufende Lebensversicherungs-Policen mit hoher Verzinsung angeboten haben, dass dies ihr Unternehmen in arge Schwierigkeiten bringen könnte – oder dass sie die Versprechungen ihren Kunden gegenüber keineswegs würden einlösen können.

Der größte Fehler der Versicherer

Sie haben die Digitalisierung verschlafen! Digitalisierung bedeutet aber nicht, Vertreter mit Tablets auszustatten. Sie bedeutet, das eigene Geschäftsmodell zu hinterfragen und die Bedürfnisse der Kunden in den Mittelpunkt zu stellen. Was wollen die Kunden heute?

  • Transparenz: Jeder Mensch möchte genau und schnell wissen, was er im Alter zu erwarten hat. Das können ihm heute weder staatliche Institutionen noch die Lebensversicherer bieten.
  • Maßgeschneiderte Angebote: Heute möchten die Menschen keine Massenprodukte mehr, sondern individuelle, flexible, an die jeweilige Lebenssituation angepasste Angebote, auch bei Versicherungen. Viele Branchen können das liefern, die Versicherungsbranche nicht.
  • Kostenersparnis: Es ist für Kunden selbstverständlich, dass Einsparungen auf der Vertriebsseite an sie weitergegeben werden. Schließlich helfen sie den Unternehmen beim Sparen, etwa indem sie ihre Daten zur Verfügung stellen, die Entscheidung für ein Produkt großteils eigenständig treffen, den Vertriebsapparat weitgehend überflüssig machen.
  • Digitale Assistenten: Auch wenn es um ihre Altersvorsorge geht, verlangen die Menschen nach digitalen Modellen, die mehr bieten als webbasierte Vergleichsportale oder Angebote eines einzigen Anbieters. Bekommen sie die? Fehlanzeige.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Heute wird viel von Veränderungen und Digitalisierung geredet, aber nachgedacht wird viel zu langsam oder gar nicht. Es ist für Politik, Versicherer, Branchenexperten und auch Verbraucher an der Zeit, sich auf den digitalen Wandel einzustellen. Für die Konzerne wird es wichtig sein, sich neu aufzustellen. Sonst ereilt sie ein ähnliches Schicksal wie Nokia, Kodak und Co. Sie gehen unter und werden von branchenfremden Unternehmen, die Digitalisierung ernst nehmen, ersetzt. Es ist endlich Zeit für eine kontroverse, ergebnisoffene Diskussion über die Altersvorsorge der Zukunft – ohne Besitzstandswahrung und die ewig alten, beschwichtigenden Plattitüden, ohne ausschließlich auf Profite und Wählerstimmen zu schielen. Es geht um nicht mehr als um die Zukunft unserer Gesellschaft.

Last modified: 21. Mai 2018